//
you're reading...
Article, The Other View

Der Spende-Hilfe Nexus

Gedanken zum „Spenden und Helfen“ (für die Zeitung der Österreichischen Altkatholiken)

Die Suche nach dem Spende-Hilfe-Nexus (I) – Spenden auf Reisen

Bei großen Spendenaktionen (wie Nachbar in Not heuer für Pakistan und Haiti), gehen ca. 10 – 20% direkt an die Menschen, für die wir uns mit unserem Geld einsetzen wollen  – der Rest fließt in die notwendige Administration und die weniger notwendige Korruption. Relativ gesehen ist das erschreckend wenig, da es sich dabei aber meist um große Geldsummen handelt kann doch einiges bewegt werden. Der “global impact” (d.h. wie viel erreiche ich durch meine Spende für eine „bessere Welt“?) ist in diesem Fall sehr groß. Über den “individual impact” (d.h. was bedeutet meine Spende für einzelne Personen?) wissen wir jedoch kaum etwas.

Gibt die Gemeinde unserem Pfarrer Meinrad Geld, um Schokolade, Bücher, Kleidung etc. für die Schubhäftlinge zu besorgen, liegt die Effizienz meiner Spende bei über 100% (da er als Seelsorger die materiellen Spenden noch erweitert), der “global impact”, die Anzahl der Nutznießer, ist dagegen ungemein kleiner.

Ich stelle mir also die Frage, ob der “individual impact” oder der “global impact” wichtiger für mich (und mein zu beruhigendes Gewissen?) ist.

Auf der Suche nach einer Formel, welche die Effizienz einer Spende beschreibt, sind zwei Parameter wichtig: die Distanz vom Spender zum Spendenziel und die Größe der Spende. Nun kann einerseits die Effizienz meiner Spende mit erhöhter Distanz zunehmen, wenn ich annehme, dass für hungernde indische Kinder 1 € weit mehr ermöglicht als 10 € für einen afghanischen Schubhäftling in Innsbruck. Oder ich erachte es als viel wichtiger, wirklich zu wissen, was mit meinen 10 € passiert. Da bekomme ich von Meinrad eine Rückmeldung über die Freude der Schubhäftlinge. Bei großen Spendenaktionen muss ich mich auf das lachende Kind vom Plakat verlassen.

In Pakistan (und anderen Entwicklungsländern) ist Entwicklungshilfe ein lukratives Geschäft, Jobs bei NGOs sind oft besser bezahlt als gleichwertige Positionen in der aufstrebenden Privatwirtschaft. Bei Einsätzen nach Desastern wie den Überschwemmungen wird oft auf die Vermarktbarkeit der Hilfeleistungen geachtet und weniger auf die Sinnhaftigkeit. Schulen im Kashmir stehen mit teuren Metallschildern der Sponsoren direkt an der Straße, weiter davon entfernt wird nicht gebaut. Als nach dem Tsunami in Indonesien die Spendengelder die Fähigkeiten der Organisationen, etwas damit anzufangen, weitaus überstiegen, waren aber nur wenige (wie Ärzte ohne Grenzen) dazu bereit, einen Spendenstopp zu verhängen.

Die Notwendigkeit von großen Organisationen wie Caritas und Aktionen wie die der Sternsinger für die Entwicklungshilfe ist unbestritten. Ohne deren PR würden wir auf viele Katastrophen gar nicht aufmerksam. Manche Unterfangen, wie z.B. die Versorgung der ganzen kashmirischen Bevölkerung mit Decken und Nahrung wären von kleinen Initiativen wie der unsrigen nie bestreitbar gewesen. Unterstütze ich eine derartige Organisation, kann ich also für den „global impact“ sicher etwas Positives beitragen, welchen Unterschied meine Spende aber vor Ort wirklich machte bleibt wage.

Die Suche nach dem Spende-Hilfe Nexus (II) – Was sind meine Spenden wert?

Die Argumentation bei der Spendenmenge ist ähnlich wie bei der Distanz – umso mehr, umso schwieriger wird es für mich als Spender, mir darüber im Klaren zu sein, was meine Spende bewirkt. Natürlich wäre die Versorgung von 2 Millionen Flüchtlingen aus dem Swat Tal in kürzester Zeit mit Sackspenden aus Tiroler Kirchen nicht zu bewältigen – da braucht es die Unterstützung ganzer Regierungen und Sofortspenden in Millionenhöhe. Wird aber bei langfristigen Projekten, wie auch z.B. dem Schulbau im Kashmir, zuerst viel Geld bereitgestellt und erst im Nachhinein die Frage gestellt “Wohin damit?”, fördert das vor allem Korruption, Gier und Schulen, die nicht mit dem besten, sondern dem teuersten Material ausgestattet sind.

Da wir freiwillig arbeiten und auch alle Reisen und administrative Ausgaben selbst decken gehen Spendengelder bei unseren Projekten immer zu 100% ans Ziel. Das ist bei größeren Organisationen nicht möglich, d.h. ein bestimmter Betrag des Geldes fließt auch in die Bezahlung von Mitarbeitern, was aber (sofern es funktioniert) nur zur Förderung der Qualität dient. Um sich besser vorzustellen, was Spenden während einer Messe für unsere Projekte leisten können, möchte ich ein paar Zahlen aus dem abgeschlossenen Projekt im Kashmir und dem kommenden an der Grenze zu Afghanistan nennen: 2 kg Stoff für den Nähkurs kosteten ca. 2 € 50, ein Busticket vom Trainingszentrum zu unserem Büro in Islamabad, um Gehälter zu überbringen ca. 4 €. Jede Absolventin hat eine Nähmaschine bekommen, wobei dabei eine mit 30 € gekauft wird. Das Monatsgehalt für eine Krankenschwester in der Ambulanz (von denen es 2 gibt) wird mit 190 € gedeckt. Dazu im Vergleich hat 1 Schulgebäude für ca. 30 Schüler für 2000 € gekostet.

Dabei ist es mir aber auch wichtig, zusätzlich zur Spende ein Verständnis für die Situation im betreffenden Land zu vermitteln. Bekomme ich von jemandem 2000 €, der sich dafür erwartet, der lokalen Gesellschaft unsere (derzeitige) Vorstellung von Gleichberechtigung von Mann und Frau zu kaufen, indem wir eine Mädchenschule bauen, und das Thema damit als gelöst anzusehen habe ich als derjenige, der die Spenden einsetzt, wenig erreicht. Es ist kein Bewusstsein für das andere Land, die andere Kultur und die anderen politischen und entwicklungsgeschichtlichen Umstände entstanden. Entwickelt sich das nicht, wird auch der Graben zwischen “uns” und, in dem Fall “Pakistan”/”dem Osten”/”dem Islam” groß bleiben. Bekomme ich von jemandem 20 € und dabei aber auch Interesse, und kritische Fragen nach dem Einsatz des Geldes habe ich mein Ziel erreicht – Bildung in Pakistan, und Bildung für den Spender. Darüberhinaus versuche ich auch immer den Leuten vor Ort klar zu machen woher das Geld kommt, dass hier Menschen von ihrem Lohn etwas abgeben um Gesundheitsversorgung in Shamshattoo zu ermoeglichen.

Die Suche nach dem Spende-Hilfe Nexus (III) – Altruismus oder Egoismus

Spende ich, weil ich jemandem anderen helfen will (Altruismus), oder spende ich weil ich damit mir selbst das Gefühl gebe, etwas Gutes zu tun (Befriedigungs-Egoismus) oder das Gefühl habe, selbst etwas dafür zu bekommen (Nutzen-Egoismus)? Für viele von uns ist es wohl eine Mischung aus allem.

Ich war dem Ganzen gegenüber immer eher egoistisch eingestellt. Meine Arbeit beim SOS-Kinderdorf hat einigen Kindern wöchentliches Schwimmen gebracht, manchen Austausch auf Englisch, und der Organisation einige mehr oder wenig erfolgreiche Projekte. Was davon auf lange Sicht bleibt, ist schwer zu sagen.

Mir hat nun schon 5 Jahre Erfahrung in Pakistan gebracht, mein Lebenslauf ist mehr wert geworden. Das verliere ich nicht mehr, es sind Dinge, die ich jetzt für mich selbst einsetzen kann. Die Auswirkungen unserer Arbeit ist nur zu einem kleinen Teil abschließend bewertbar. Viel zu komplex sind die Entwicklungen, die unser Eingreifen in lokale Strukturen bedeuten und die gewonnene Bildung für einige wird sich erst nach einiger Zeit als Erfolg verbuchen lassen. Die oft schwierige Situation vor Ort und die eigennützige Arbeit von vielen „humanitären“ NGOs hat meine Bereitschaft zum altruistischen Denken gedämpft. Wenn ich nicht weiß, ob meine gewollte Hilfe auch als solche ankommt, und ich mir dessen nie ganz sicher sein kann, was ist dann meine Motivation, diese Arbeit weiterzuführen? Ein Nutzen-Egosimus.

Beim „Helfen“ in einem anderen Land, einer anderen Kultur, zählt allein der gute Wille nichts, viel zu viel Schaden kann man durch „ich will ja bloß helfen“ anrichten. Desillusioniert von der Möglichkeit, Hilfe anzubieten und dabei auch wirklich was weiterzubringen, mache ich die Arbeit für mich als Nutzen-Egoismus mit dem Versuch, alles so professionell und effizient wie möglich und überschaubar umzusetzen und kleine bewertbare Erfolge als Motivation für einen kleinen Schritt weiter zu nutzen.

Für jemanden, der „nur“ Geld spendet, also aktive Hilfe erst ermöglicht, ist der Nutzen vielleicht begrenzter. Ich versuche, durch meine Berichte über das Land etwas zum Wissen über diese Region der Welt beizutragen, damit man sich zu den Berichten aus Zeitungen auch noch andere Bilder machen kann. Das soll ein Nutzen sein. Ich versuche, durch meine Berichte über den Einsatz der Spendengelder diesen auch im Falle unserer Pakistan-Projekte zu rechtfertigen. Während wir aber von Ländern wie Pakistan erwarten, den Schritt in die Demokratie zu tun, sollten wir unsere Beziehung zu den ärmeren Ländern und wo und zu welchem Nutzen wir uns als Helfer positionieren hinterfragen. Denn dass unsere guten Intentionen auch viel zerstören, will ich folgenden darlegen.

Die Suche nach dem Spende-Hilfe-Nexus (IV) – Welchen Schaden richten Spenden an?

Der Schaden, den Spenden von reichen an ärmere Länder anrichten können, lässt sich in meinen Augen in zwei Arten einteilen: den materiellen und direkt wirtschaftlichen Schaden und den psychologischen Schaden. Dabei ist der Erstere sehr einfach an Beispielen zu erklären.

In Pakistan ist der Arbeitsmarkt vor allem in ländlichen Gebieten, wo NGOs vermehrt tätig sind, langfristig gestört. Die NGOs bieten für einen Job unverhältnismäßige Gehälter, mit denen staatliche Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und Regierungsstellen nicht mithalten können. Nach den Überschwemmungen ist der durchschnittliche Lohn für einen Arzt in den betroffenen Gebieten um bis zu 100% gestiegen. Wir konnten bei unserer Ambulanz darauf reagieren, haben im kleinen Rahmen Veränderungen vorgenommen. Den staatlichen Krankenhäusern laufen aber gerade in einer so prekären Situation auch noch die besten Arbeitskräfte davon.

Der psychologische Schaden ist schwerer zu erkennen, hat aber für die zukünftigen Beziehungen zwischen dem “Westen und dem Osten” oder dem “Westen und dem Islam” die größere Bedeutung. Pakistanis sehen die Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen in ihrem Land oft zwiespältig. Einerseits bewundern sie den Einsatz, andererseits sehen sie es manchmal als Freikaufen von Schuld, welche sich der Westen durch sein militärisches Engagement in der Region auflädt, manchmal als Versuch, das Land nach eigenen Vorstellungen zu beeinflussen (sei es, was Demokratiebegriffe angeht oder moralische Vorstellungen).

Wenn wir Geld für einen “guten Zweck” spenden, ist es auch unsere Verantwortung zu prüfen (so weit es uns möglich ist), ob dieser Zweck auch erfüllt wird und ob es nicht zu offensichtlich schlechten Nebenwirkungen kommt. Damit sind wir wieder beim ersten Teil dieser Serie, da uns diese Überprüfung in unserer eigenen Umgebung am leichtesten fällt.

Ich hoffe, mit diesen Gedanken angeregt zu haben, über unser Spendenverhalten nachzudenken und freue mich über Rückmeldungen oder Fragen (jakob.steiner@proLoka.org).

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

Discussion

No comments yet.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Archives

November 2010
M T W T F S S
« Oct   Dec »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  

Archives

%d bloggers like this: