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Book Review

Berichterstattung am Prüfstand – neuere deutschsprachige Literatur zu Pakistan

Pakistan ist wie Indien, ausser wenn es wie Afghanistan ist. (Ist jemandem schon aufgefallen, wie wir geographisch von einer Randnotiz am Subkontinent zu einem essentiellen Faktor im weiteren Mittleren Osten wurden? Ist das ein Fortschritt?) Es wird sofort klar ob das Pakistan in unserem Werk Indo-Pak oder Af-Pak ist, je nachdem ob am Titelbild Paisleymuster oder Bomben/Minarette/furchterregende Männer in Shalwar Kameez abgebildet sind (es gibt keine Männer, die nicht Shalwar Kameez tragen.) Wenn Frauen am Titelbild sind, werden die zwei möglichen Pakistans durch die Kleidungswahl ausgedrückt: Hochzeitskleider oder Burqas?

Frauen haben nie die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Ausser sie brechen alle Regeln, das bezahlen sie mit dem Leben. Ich glaube es gibt über sie nichts zu sagen, oder?

Mohammed Hanif in GRANTA 112 “How to write about Pakistan”

Und hätte die Liebe nicht
Ruth Pfau/Michael Albus
Herder, 2010, 220 pp., €17,95

Der Pakistan Komplex
Jorge Scholz
Pendo, 2008, 170 pp., €16,90

Bitte informieren Sie Allah
Ulrich Ladurner
Herbig, 2008, 238 pp., €19,90

Das gefährlichste Land der Welt?
Jochen Hippler
Ki&Wi, 2008, 292 pp., €9,95

Brandherd Pakistan
Christoph R. Hörstel
Kai Homilius, 2008, 399 pp., €24,80

Teil II der Pakistan Rezension.

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Deutschsprachige Medien und Pakistan

Medienberichterstattung kann nicht nur Brücken zwischen den Kulturen bauen, sondern diese auch einreißen, denn Worte und Bilder haben mit Bomben mitunter eines gemeinsam – sie besitzen Sprengkraft. So schliesst Jorge Scholz das erste Kapitel seines Buches Der Pakistan-Komplex ab und stellt noch während er auf das spezifische Framing der Berichterstattung über Pakistan hinweist selbst eine typische Assoziation – Pakistan und Terror – bewusst oder unbewusst her. Es ist im Fall von Pakistan nicht einfach, nicht auf stereotype Bilder wie Mohammed Hanif sie persifliert, zurückzufallen. Zu sehr werden wir ununterbrochen beeinflusst von einseitiger medialer Berichterstattung. Und das gilt in hohem Masse auch für Journalisten und Autoren die das Land und seine Umstände gut kennen, ja sogar für pakistanische Journalisten wie Mohammed Hanif. Pakistanische Medien, in Ermangelung eigener Recherche entlehnen Material und Formulierungen oft von internationalen Medien und sind so oft ähnlich weit entfernt von der Wahrheit.

Scholz zeigt diese Problematik für die deutsche Medienlandschaft gut auf – keine deutsche Zeitung ist in Pakistan mit einem permanenten Mitarbeiter vertreten (das gilt überdies auch für Österreich und die Schweiz), Berichte werden wenn überhaupt in Indien oder Südostasien verfasst (die NZZ berichtete zu den Überschwemmungen lange Zeit nur über ihren Korrespondenten aus Bangkok, aus Österreich war nur der Kurier und das Boulevard Blatt Österreich vertreten). Dagegen haben mehrere englische und französische Printmedien eine permanente Präsenz in Islamabad. Mir sind keine bislang unbekannten Fakten aufgefallen, wie der Buchrücken verspricht, und der Autor hält sich in der Beschreibung des Komplexes sehr an seine Schlagwörter des Untertitels, sein Framing (Ein Land zwischen Niedergang und Nuklearwaffen). Doch Scholz hat mit diesem Buch einen guten Einstieg vorgelegt, wenn man sich für Pakistan als global-politischen Schlüsselfaktor interessiert. Er beleuchtet vor allem Aspekte die in westlichen Medien immer wieder kursieren, durch unzureichende Hintergründe aber unvollständig bleiben (Islam in Pakistan, Benazir Bhutto, Parteienlandschaft etc.) und zu vereinfachenden und meist schlichtweg falschen Bildern führen. Die Demaskierung der medialen Klischeeberichterstattung gelingt ihm dabei ohne ein apologetisches Gegenbeispiel zu erfinden.

Allein die Sufismus Floskel konnte er sich nicht verkneifen – dass der überwiegende Teil der pakistanischen Bevölkerung Mystiker Orden anhängt ist genauso eine unbelegte Halbwahrheit wie zu sagen der überwiegende Teil der Bevölkerung wäre radikal-islamisch. Doch ist diese Shah-Jamal-These bei sogenannten “Pakistan-Kennern” eine beliebte um am schlechten Image des Landes zu rütteln. Spezialisten wie Frembgen oder Dalrymple kehren diesen Aspekt des pakistanischen Islam hervor, die NYT hat dieses Thema gerade in Anbetracht der zuletzt vermehrt auftretenden Anschläge auf Schreine aufgegriffen. Während schon hier einige sehr verallgemeindernde Aussagen zu finden sind, greifen Medien ohne fundierte Kenntnisse den Sufismus als Antithese zur Radikalisierung Pakistan’s auf. Ohne Zweifel spielen die Lehren der Sufi Mystiker in ganz Pakistan eine grosse Rolle. Schreine gibt es im ganzen Land unzählige, Menschen die diese besuchen und sie als wichtigen Teil ihres Glaubens sehen auch. Diesen sufistischen Islam als den besseren (den liberaleren/progressiveren) hinzustellen gegenüber dem Islam, der den Sufismus ausschliesst, ist problematisch. Andererseits beeindruckt von den Menschenmassen in den Schreinen auf die religiöse Ausrichtung eines ganzen Landes zu schliessen und darüberhinaus eine politische Signifikanz zu erkennen, steht uns in erstem Fall nicht zu, in zweitem ist es ganz einfach nicht belegt. Bekannte linke Stimmen wie Pervez Hoodbhoy argumentieren gar dezidiert dagegen. Sufibruderschaften spielen in der Geschichte der Politik sowohl im Gebiet des heutigen Pakistan, Afghanistan und der zentralasiatischen Staaten eine grosse Rolle. Dieser politische Sufismus kann aber sicher nicht mit dem Aspekt dieser Strömung gleichgesetzt werden, auf den er heute oft reduziert wird – Dhamal, Charras und Dreadlocks. Bevor man sich hier in mystisch-politische Thesen verstrickt, sollte man diese getrennt betrachten. Für erstere ist Annemarie Schimmel eine gute Quelle, für zweite Jochen Hippler.

Grundlagen und Wahrnehmungen

Ähnlich fokussiert auf den politisch-geschichtlichen Aspekt des Landes schreibt er in Das gefährlichste Land der Welt? Dabei zieht er aber einen beeindruckenden Bogen von den frühesten Bewohner des heutigen Pakistan bis ins Jahr 2007, nur um diese Rückblicke immer mehr als Puzzleteile der heutigen Realitäten zu verwenden.

Wer Pakistan verstehen möchte, muss wie auch anderswo zuerst nach den Interessen der unterschiedlichen Akteure fragen – und erst danach deren ideologische Präferenzen und Äußerungen beachten. Auch in Pakistan findet Religiosität nicht im luftleeren Raume statt […].

Mit scheinbar einfachen, nüchternen politikwissenschaftlichen Formeln bringt Hippler schon früh auf den Punkt wie man sich davor schützt in den unergründlichen Tiefen der stereotypen Erklärungsversuche zu versinken. Während er einen klaren Aufbau und eine distanzierte Betrachtungsweise verfolgt, liest sich das Buch spannend bis zum Schluss und man glaubt Hippler gern, dass er das Land nicht nur als Wissenschaftler kennt. So schreibt er von seiner persönlichen Beziehung zum Land und der Zuneigung zu den Menschen, betont aber auch seine Abneigung der politische Klasse gegenüber. Dabei fällt dann seine Kritik an der politischen Entscheidungsfähigkeit der Bevölkerung milder aus als sie es wohl manchmal verdient hätte ([…]wobei die Bevölkerung leicht übersah […]). Kritik an einem ganzen Volk für seine Regierung zu üben ist selbstverständlich immer gewagt. Nur sind es gerade oft Pakistanis selbst, die darauf hinweisen, dass sie sich als Demokratie sehen, und damit auch Verantwortung für ihre gewählte Regierung zeigen müssen. Allein ihr politisches Gedächtnis ist kurzweilig und Politiker die einmal verjagt wurden, haben gute Chancen zu einem späteren Zeitpunkt wieder mit offenen Armen empfangen zu werden. Das heute ein Mann Präsident ist, der durchwegs vom ganzen Volk seit Jahrzehnten verachtet wird erscheint paradox und findet wohl allein in Berlusconi’s Italien eine Parallele wobei sich Pakistan zumindest unabhängiger Medien rühmen kann.
Basierend auf anderen Autoren aber auch eigenen Erkenntnissen schlägt Hippler eine sinnvolle Einteilung der religiösen Strömungen im Land vor um später, nach einer umfassenden Darlegung der militärischen Strukturen den Nexus (radikaler) Islam und Armee zu behandeln. Dieser ist scheinbar in Anbetracht des gern beschworenen Horrorszenarios, pakistanische Atomwaffen in Händen radikaler Muslime, interessant. Dabei hält sich Hippler damit gar nicht lange auf und sieht dieses Szenario als sehr unwahrscheinlich an. Vielmehr vermag er es den westlichen Leser von der Vorstellung, die globale Bedrohung wäre das größte Problem, zur Relevanz der innerstaatlichen Konflikte zu führen, in denen sowohl Armee als auch Zivilbevölkerung (auf deren Befinden er auch vorhergehend eingeht) eine grosse Rolle spielen.

In westlichen Ländern herrscht häufig die Wahrnehmung vor, in Pakistan sei ein Kampf zwischen “radikal islamistischen” Gruppen und “säkularen” Kräften im Gange. Islamische Parteien und religiöse Kräfte werden mit der Gewalt identifiziert, während die säkularen Akteure reflexartig als “gemäßigt” und “demokratisch” gelten. Tatsächlich aber ist höchst fraglich ob das Problem der Säkularität oder religiösen Orientierung die grundlegende Konfliktlinie in Pakistan beschreibt.

Auch am englisch- oder französischsprachigen Buchmarkt wird man derzeit kaum ein gleichzeitig so umfassendes und doch kurzweiliges Buch zu Pakistan finden.

… schmerzlich vermisst

Beide, Scholz und Hippler, heben in ihrer Einleitung den Journalisten hervor, der vielen Deutschen im Zusammenhang mit Afghanistan und Pakistan vor allem aus der Zeit am bekanntesten sein dürfte – Ulrich Ladurner. Scholz erwähnt einen seiner Berichte als positive Erscheinung in der sonst einseitigen Berichterstattung, Hippler bezieht gar seinen Titel aus Ladurner’s nur kurz vorher erschienen Buches Bitte informieren Sie Allah! Dieses beginnt basierend auf der berühmten Newsweek Schlagzeile: […] Pakistan [wird] als das gefährlichste Land der Welt bezeichnet – zu Recht. Dabei sieht er das als Paradox angesichts dessen, dass religiöse Parteien nie mehr als 12% der Stimmen bekommen haben – er bestätigt damit Hippler’s fragliche Wahrnehmung der westlichen Länder. Und während es Scholz und Hippler gelingt dieses Paradox als westlich vereinfachendes Erklärungskonstrukt zu enttarnen, das auf Stereotypen fußt um diese im Teufelskreis zu bestätigen, lässt sich Ladurner nur von diesen leiten. Mit Zirkelschlüssen wie Pakistan birgt in der Tat erhebliches, destruktives Potenzial, es ist der gefährlichste Staat der Welt […] nur wenige Seiten später nimmt er den Leser bei der Hand zu immer wiederkehrenden Fragen ohne Antworten. Seine Interviewpartner sind durchwegs Spiegelbilder seiner eigenen sturen Einstellung – den konservativen MMA Maulvi befragt er zu Mädchenschulen, einen anderen zu Osama bin Laden, den Madrassa Schüler in der Haqqania zum Jihad, den Kashmiri Mujahed nach dem ISI. Er bekommt nie mehr als das Insistieren auf den Stereotypen, die er selbst mitgebracht hat, zurück und muss sich dann ärgern wenn er nach seiner Darstellung von Musharraf als böser Diktator auf eine Hitler-Diskussion geführt wird (siehe dazu die Kritik zu Hasnain Kazim’s Artikel). Wie genervt und gleichzeitig verwundert über unser beschränktes Interesse müssen pakistanische Konservative sein, wenn alles was sie gefragt werden Mädchenschulen und Frauenrechte betrifft! Bärte spielen in seinen Interviews eine größere Rolle als der Inhalt der Gespräche, die er oft selbst abbricht, denn [er] wusste, dass […] sonst noch eine lange, fruchtlose Debatte bevorstehen würde. Dabei sagt er über seine Interviews selbst: Ich hatte keine Beweise […] sondern nur Gerüchte aufgeschnappt, oder Was wusste ich schon darüber? Nichts […] und Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. An sich ein interessanter Ansatz ein Buch über Pakistan, dessen Bewohner Verschwörungstheorien kultivieren, zu schreiben – nur fehlt Ladurner leider Zaid Hamid’s Stamina und Glenn Beck’s Schauspielkunst um diesen auch durchzuziehen. Die Militärs, Aslam Beg, Hamid Gul und General Tariq ziehen ihn dabei allesamt über den Tisch – letzteren glaubt Ladurner damit schmeicheln zu können indem er seinen Tee als sehr aromatisch und die Mauern des Forts in Peshawar als besonders dick lobt.

 

Er erkennt seine Naivität dabei oft selbst, für jemanden der laufend aus der Region berichtet ist dafür der Zeitpunkt ein Buch darüber zu schreiben aber denkbar spät. Iftikhar Chaudhry ist für ihn (wie eben durchwegs unkritisch betrachtet für die westlichen Medien) eine uneingeschränkt positive Figur. Ein Taxifahrer, beliebteste Quelle schleissiger Journalisten, regt ihn zum Hinterfragen an. In der Haqqania Madrassa ist er überrascht davon, dass ein Maulvi Interesse an einem Computerspiel zeigt und in einem Papierstapel erhofft er eine Arbeit von Mullah Omar nur um sich gleich zu erinnern, dass dieser Analphabet ist. Abdul Rashid Ghazi (mit gepflegtem Bart!) telefoniert vermutlich mit Gleichgesinnten in Peshawar denn wenn es eine fortschreitende Talibanisierung des Landes gab, dann musste sie [hier] sehr gut zu beobachten sein – die Talibanisierung auf die Provinz Khyber Pakhtunkhwa zu beschränken ist billigstes Klischee. Dabei sucht er sich genau die journalistischen Hotspots aus, die jeder Neuling im Land sofort ansteuern würde – die Haqqania als Standard Madrassa, die Rote Moschee als Hub des Extremismus, LUMS als Inbegriff des westlichen Pakistan. Dabei kommt es hier zur interessantesten Szene im ganzen Buch – mit Aamir Reaz, Professor an der renommierten Universität sitzt er in der Food Street:

Aamir Reaz betrachtete mich aufmerksam. Er forderte mich mit einer Handbewegung auf zu essen. Ich griff nach dem Fladenbrot. […] Alles passte, selbst der Knall eines Feuerwerkskörpers in einer Seitengasse fügte sich nahtlos ein. Ich öffnete die Augen.

Dazu sei Mohsin Hamid’s Reluctant Fundamentalist empfohlen – die exakt gleiche Szene am gleichen Schauplatz spielt sich hier in Fiktion aus der Sicht des Professors ab und stellt den Höhepunkt des Buches dar.

Die Stimmen der anderen

Eine Zusammenfassung allein der drei Buchdeckel würde hier schon genügen um Mohammed Hanif’s anfängliche Parodie bestätigt zu wissen – Militär (Bomben), Islam (Minarette), Frauen (die gebrochene Regeln mit dem Leben bezahlen). Christoph Hörstel’s Brandherd Pakistan schiesst da noch über’s Ziel hinaus. Ein blutverschmierter Buchdeckel, Moschee und Terroristen inklusive – umso überraschter war ich, als nach 100 Seiten währender Skepsis langsam die Ansicht überwog, dass dieses Buch ein besseres Cover verdient hätte.

Der Untertitel (Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt) lässt erahnen, dass es hier nicht in erster Linie um Pakistan als Land oder Gesellschaft geht. Wie auch in seinen anderen mehr (Afghanistan-Pakistan: NATO am Wendepunkt) oder weniger (Sprengsatz Afghanistan: Die Bundeswehr in tödlicher Mission) interessanten Büchern geht es Hörstel darum seine Kritik am Terrormanagement des Westens und seinen Disengagement Plan für die Region vorzustellen. Im Gegensatz zu anderen Autoren schlägt er hier konkret Lösungsmöglichkeiten für das Problem AfPak vor und findet damit leider, aber nicht überraschenderweise, wenig Anklang. Er plädiert für einen Dialog mit und Verständnis für Akteure (wie den Taliban), die für die meisten Journalisten und auch Wissenschaftler auf dem Gebiet der Konfliktforschung von vornherein ausserhalb des möglicherweise zu erreichenden Verständnisbereichs liegen. Mit der Erfahrung aus dem Afghanistankrieg in den 80ern und engen Kontakten, vor allem zu Gulbuddin Hekmatyar (der heute noch – wenn auch verdeckt – eine Rolle spielt), vermag Hörstel – ohne dabei kaplanesk zu heroisieren – die Bärtigen als ernstzunehmende Gegenseite darzustellen.

 

Seine oft etwas flapsige, leicht beleidigte Schreibweise ob der Nichtbeachtung seiner Arbeit in der Medienlandschaft (Unsere “Experten” outen sich durch Unkenntnis korrekter Bezeichnungen. Da wir gerade dabei sind: Der Singular von “Taliban” ist “Talib”. Wie war das noch mit dem Bremer Taliban Murat Kurnaz? und Ich hasse diese “underdog-Situationen”, – manchmal glaube ich, sie verfolgen mich durch mein ganzes Leben […]), das wiederholte Betonen, dass seine Stimme nicht gehört wird und 2 gescheiterte Ehen als Resultat seines selbstlosen Einsatzes haben mich immer wieder genervt – lässt sich dieser Stil wirklich besser verkaufen als ein rein sachlicher Zugang? Dazu kratzt er manchmal an unbelegten Verschwörungstheorien (geheime Aufteilung der Welt in Einflussbereiche im kalten Krieg, 9/11 Inside-Job, etc.) die ausser einem leichten Hang zu diesen (anti-westlichen) Theorien nichts erkennen lassen und seine Arbeit nur diskreditieren. Denn hinter diesem populistischen Stil verbergen sich vor allem viele gut dokumentierte und mit seriösem Material hinterlegte Beobachtungen, die es einem Leser erlaubt Pakistan und seine verschiedenen Akteure als geopolitischen Faktor besser zu verstehen.

Hörstel beginnt sein Buch identisch wie Nicholas Schmidle sein To live or to perish forever. Beide werden 2007 vom Geheimdienst des Landes verwiesen und beginnen so ihre Berichte. Doch während Schmidle nur auf 2 Jahre zurückblickt (daraus aber einen sehr lesenswerten Bericht formt), sind es bei Hörstel 2 turbulente Jahrzehnte. Er kann die Entwicklung genau dieses heute so mächtigen Geheimdienstes vom Kashmir bis zu den Taliban aus eigener Erfahrung nachzeichnen, geht auf innenpolitische Entwicklungen von grosser Relevanz ein, die in westlichen Medien gar nicht wahrgenommen werden und behandelt, wie der Titel verspricht auch deutsch-pakistanische Beziehungen. Dabei bleibt wenig Platz für Grundlagen wie man sie bei Scholz und Hippler findet, viele Theorien die diese Autoren darlegen vermag Hörstel aber aus eigenen Erfahrungen nachzuzeichnen.

Emotionaler Zugang

Ruth Pfau ist neben Annemarie Schimmel wohl die bekannteste Deutsche mit Verbindung zu Pakistan und (wenn auch oft unter Spiritualität oder gar Indien) ihre Bücher liegen oft als die einzigen zu diesem Land in deutschsprachigen Buchhandlungen auf. So sympathisch das Titelbild (gerade auch in Anbetracht der sonstigen Auswahl) von Ruth Pfau’s letztem Buch Und hätte die Liebe nicht (geschrieben überdies von Michael Albus) erscheinen mag, so abschreckend war die Rückseite.

Pakistan und Afghanistan – die gefährlichsten Regionen der Welt. Ruth Pfau, Lepraärztin und Ordensfrau war im Untergrund in Afghanistan, als das Land noch von den Russen besetzt war und sie kennt Pakistan von innen und außen wie kaum jemand anderer. Zu Fuß, mit dem Jeep, auf dem Rücken von Pferden und Kamelen hat sie das wilde, zerklüftete, wüstenhafte Land durchstreift, nach Kranken gesucht, Hilfe geleistet – und die Lepra ausgerottet. Sie berichtet von der Faszination des Islam, von seiner Fähigkeit zur Mystik, dem geistlichen Hunger, der »nicht vom Brot allein« gestillt werden kann. Aber auch von seinen Abgründen.

Während das Attribut die gefährlichsten noch streitbar ist, kennen Pakistan mindestens 170 Millionen Menschen besser als Pfau. Was würden deutsche Leser sagen, wenn Hasnain Kazim’s Buch mit dem Hinweis kaum jemand kennt Deutschland so wie er versehen würde? Pakistan als wild, wüstenhaft und das Land der Taliban zu charakterisieren ist schlichtweg falsch, wie man den Islam von innen kennen soll um von seiner Geschichtslosigkeit zu berichten, bleibt mir auch nachdem ich das Buch gelesen habe ein Rätsel.

Michael Albus hat Gedanken von Pfau über ihre 50 Jahre in Pakistan aufgezeichnet. Und während Albus auch in der kurzen Landesbeschreibung am Ende des Buches (Pakistan reduziert auf Religion, Nuklearwaffen und die Rolle der Frau) und im Nachwort alles falsch macht, was in subjektiver Berichterstattung falsch zu machen möglich ist, sind Pfau’s Erfahrungen durchaus lesenswert. Dabei liegt sie mit politischen und pragmatisch-religiösen Einschätzungen oft überraschend weit daneben. Zu behaupten, dass fast jeder Pakistani fastet ist gewagt, dass sich das Fasten hauptsächlich im Rituellen abspielt steht einem Aussenstehenden per Pauschalurteil kaum zu. Sehr überzeugt sagt sie: Pakistan ist kein Rechtsstaat. […] Das ist aber nicht primär ein Scharia-Problem. Ersteres mag in der Praxis (sicher nicht in der Theorie) zutreffen, zu suggerieren, dass die Nicht-Rechsstaatlichkeit in irgendeiner Weise ein Scharia-Problem wäre ist aber schlichtweg falsch.

Die deutschen Übersetzungen von Ahmed Rashid’s Klassikern Taliban und Descent into Chaos haben im deutschen Buchhandel derzeit Hochkonjunktur. Rashid wird immer wieder in deutschsprachigen Zeitungen auch zu Pakistan befragt, auch wenn sein Heimatland selten eine bedeutende Rolle in seinen Arbeiten spielt. Um seine Analysen der ganzen Region nachvollziehen zu können, sind Grundlagen zu Pakistan notwendig und es gibt durchwegs deutschsprachige Autoren die einen fundierten Zugang zum Land ermöglichen. Die Tatsache, dass sich auch Spezialisten immer wieder bewusst und unbewusst auf medial verbreitete Stereotype stützen, zeigt wie beladen diese Region mit voreingenommenen Vorstellungen ist. Gerade Hippler und Hörstel plädieren, entsprechend unterlegt von weitaus umfassender Literatur, für eine aktive Auseinandersetzung mit dem Land und zeigen, dass man dafür nicht nur eine sicherheitspolitische Argumenation anführen muss.

Natürlich handelt es sich bei der hier vorgestellte Auswahl ausschliesslich um Bücher, die sich mit Pakistan allgemein beschäftigen. Es handelt sich dabei einfach um die Bücher die ursprünglich auf Deutsch geschrieben am ehesten in einer Buchhandlung zu Pakistan aufliegen, bzw. die auf Amazon unter dem Suchbegriff “Pakistan” erhätlich sind.

Literatur die auf bestimmte Aspekte des Landes eingeht wird in der nächsten Pakistan-Rezension behandelt.

 

 

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

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