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Book Review

har cheez ka review: Deutsche Literatur zu Pakistan – die unkonventionelle Betrachtung

Har cheez ka review nahin kar sakte yaar! (Du kannst nicht alles einem Review unterziehen, Alter!)

Shahid ‘Boom Boom’ Afridi zu Kamran Akmal im Viertelfinale des ICC WC 2011 Pakistan gegen die West Indies am 23. März 2011, nachdem dieser schon zu Beginn wiederholt Bälle bei den Schiedsrichtern beanstandet.

Indus-Welten. Eine Reise durch Pakistan
Hajo Bergmann
Malik, 2009, 256 pp., €12,95

Nachtmusik im Land der Sufis
Jürgen Wasim Frembgen
Waldgut, 2010, 196 pp., €16,00

Opiumessers Drachenjagd
Victor Mala
Nachtschatten, 2002, 280 pp., €12,80

Die Augen des Subkontinents
Hammad Nasar/Alexander Keefe
Das Kulturgamagzin – Du 809, September 2010, €15,00

Teil I der Pakistan Rezension.

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Die Diskussion über Orientalismus und Neo-Kolonialismus in der Literatur über den Subkontinent ist jung, im Falle von Pakistan hat sie wohl überhaupt erst mit der viel diskutierten Granta 112: Pakistan Ausgabe begonnen. Während jedoch Indien bereits eine Diskussion über farangi und ihre Sichtweisen (also im Grunde die Ausgangsbasis die auch Edward Said in Orientalism für den arabischen Mittleren Osten annimmt) stattfinden kann (siehe einen früheren Hinweis hier), sind es in Pakistan meist Pakistanis die ihr Land aus dem Ausland betrachten, und sich im Grunde selbst an der Nase nehmen (müssen) wenn sie über die vorherrschende Narrative über ihr Heimatland klagen. Ali Sethi, Nadeem Aslam, Mohsin Hamid und Daniyal Moeenuddin sind die bekanntesten Beispiele der letzten Jahre. Pakistan literarisch von Ausländern betrachtet bietet keine gute Angriffsfläche, die Beispiele sind dünn gesäht. Im Deutschen ist das noch viel mehr der Fall als im Englischen oder Französischen, obwohl mit Annmarie Schimmel und Alama Iqbal zwei vielversprechende Ausgangslagen für einen Austausch in diese Richtung vorhanden sind..

Findet man deutsche Bücher zum Land, liegen diese meist in der Politik Abteilung einer Buchhandlung,  zwischen Übersetzungen von Tariq Ali und Ahmed Rashid  – diese Beispiele wurden bereits behandelt. Geschichten abseits dieser meist global (gesellschafts)politischen Narrative stellen den zweiten Teil des Pakistan-Reviews dar.

Reise …

2008 hat Alice Albinia mit Empires of the Indus den wohl beachtenswertesten Travelogue zu Pakistan geschrieben. Von Mündung bis zur Quelle des Indus (d.h. über Pakistan hinaus) reist sie oft zu Fuss und vermittelt ein Bild ohne sich überhaupt zum Ziel nehmen zu müssen, eine in ihren Augen ungerechtfertigte Darstellung zurechtzurücken. Dieser unprätentiöse Zugang verhindert aber wohl auch die Aufnahme ins AfPak-Expert-Qila, wie ihn beispielsweise Rory Stewart mit seinem The Places In Between erlangt hat (zur Überschneidung von Travelogues und aussenpolitischer Expertise sei Manan Ahmed’s Artikel zum Thema empfohlen).

Dem Indus als Lebens – und Todbringer (Albinia geht auf diese divine Rolle ein) des ganzen Landes als Aufhänger zu verwenden ist einleuchtend. Einerseits speist er das grösste zusammenhängenden Bewässerungssystem der Welt und ernährt damit das ganze Land und macht Pakistan zu einem der grössten Textilexporteure, andererseits hat er möglicherweise den Niedergang der ältesten urbanen Zivilisationen herbeigeführt (Harappa, Mohenjo-daro) und 2010 zu einer fatalen Naturkatastrophe geführt. Bis auf Balochistan, die vernachlässigteste Provinz des Landes, gerade im Falle der Berichterstattung sowohl im Ausland als auch in Pakistan selbst, streift er mit seinen Zuflüssen alle Landesteile und ermöglicht einen Einblick in die Diversität der Kultur. Hajo Bergmann, hat diese Indus Narrative in einen Dokumentarfilm gepackt, dabei auch seine Erfahrungen und Beobachtungen in einem Buch, Indus-Welten. Eine Reise durch Pakistan festgehalten.

 

Anhand dreier Stationen, der bergige Norden, das urbane Lahore und der mystische Sindh, versucht er der gängigen Darstellung ein Bild von der Vielfalt Pakistans entgegenzuhalten. Durch lange Freundschaften aus vorhergehenden Filmprojekten im Land, kann er auf Erfahrung zurückblicken die er aber durchwegs aus den Augen eines Touristen wiedergibt ohne sich Expertise anzumassen wie das bei Buchautoren zu einem bei uns unbekannteren Land schnell passieren kann. Für einen Pakistan-Einsteiger ist das Buch eine Empfehlung, wohl auch ohne den Film gesehen zu haben vermag Bergmann’s Art zu Schreiben Bilder zu evozieren, die einige Aspekte des Landes sehr treffend wiedergeben.

Viel wichtiger, und auch und gerade für jemanden, der Pakistan bereits kennt von Bedeutung sind zwei Gedanken, die sich durch das Buch spinnen.

Da reden die Sufi-Meister über “Entwerdung” und die Überwindung des Egos, sind aber als Grundbesitzer nicht bereit, ihre Kanäle im Interesse der Allgemeinheit zu sanieren. Man schädigt bewusst den Schwächeren, den Machtlosen: in diesem Fall das Volk der Mohana und die Natur.

Mag auch ein Schreinbesuch mit Musik nach heutigem Wissensstand dem Immunsystem guttun – Mangelernährung und bakterielle Erkrankungen kann er nicht besiegen.

In irgendeiner Weise kritische Einstellung der Sufi-Kultur gegenüber wird man unter Ausländern die von Pakistan erzählen oder es als Soziologen und Politologen betrachten kaum finden. RAND erklärte den Sufismus gar zum geigneten Gegenmittel gegen die Talibanisierung des Landes, ein Report der in den Medien weithin Beachtung fand (BBC, Economist) und gerade in der liberalen Mittel- und Oberschicht, bei Menschen, die mit Sufismus bis dahin wenig zu tun hatten und haben wollten (abseits von Junoon Liedern) findet der Sufismus plötzlich populäre Resonanz. Während Begeisterung für den Sufismus (oder auch nur Teile seiner Erscheinung) jedem selbst überlassen ist, ist es fahrlässig ihn als Beschreibung für ein ganzes Land oder sogar als politisches Instrument zu verwenden. Sich als Aussenstehender, der sich nicht auf mehreren Ebenen mit dem Islam, seiner mystischen Ausprägung und der vielfältigen Geschichte des Sufismus beschäftigt hat, einen kritischen Blick dafür zu bewahren, hilft den Sufismus als pakistanisches Phänomen und seine Bedeutung besser zu verstehen. Daher sehe ich Bergmann’s Kommentare als wichtige Denkanstösse.

Bei seiner Verlängerung der Reise nach Kashgar (die wirklich nur für den perfekten Untertitel von Karatschi bis Kashgar eine Bereicherung ist, man spürt, dass ohne den Austausch mit den Menschen durch die Arbeit Film, auch der Einblick verloren geht) konkretisiert er einen zweiten Kritikpunkt, der auch für das Reisen in Pakistan relevant ist.

Durch die Identifikation mit den Minderheiten entwickelte ich von Anfang an eine gewisse Opposition und Abneigung gegen die übermächtige chinesische Zentralmacht. […] Aber warum eigentlich? Hat man in China nicht weit mehr für den kleinen Mann getan als in irgendeinem anderen Land? […] Vielleicht […] habe ich jetzt auf der Reise noch mal Zeit, dieser Frage und vor allem der Selektivität und dem Wandel meiner Wahrnehmung nachzugehen. In den letzten Wochen waren meine Eindrücke und Emotionen aus den vielen Asienreisen durcheinandergeraten.

Das Erkennen der Selektivität der persönlichen Wahrnemung und seines Wandels, in Anbetracht dessen was Bergmann in seinem Buch beschreibt und kritisch betrachtet, machen dieses Buch zu mehr als einem Traveller Buch für Pakistan ohne dabei eine Abhandlung mit politisch relevanten Aussagen werden zu müssen. Es regt dazu an, die gängige Darstellung in Frage zu stellen und sich selbst kritisch ein Bild zu machen. Seine Gedanken sind notwendig, um aus dem Reisen auch Verständnis zu gewinnen, um sich die Möglichkeit zu eröffnen auch im Kopf zu reisen. Dabei gilt aber für sein Buch auch was er selbst in der Einleitung schreibt: “Die Sehnsucht zu Reisen wächst auf angenehme Art.

… Musik

Abgesehen von den zwei Leitmotiven, birgt Bergmann’s Buch auch den Verweis auf zwei weitere beeindruckende Bücher.

 

Während seiner Episode im Sindh, welche sich um den Sufismus dreht, trifft er auf den deutschen Ethnologen Jürgen Wasim Frembgen, der hier selbst an einer vielbeachteten WDR Produktion über den Schrein des Lal Shahbaz Qalandar mitwirkte (als Buch Am Schrein des roten Sufi), und 2010 einen Streifzug durch die Musiklandschaft veröffentlichte, Nachtmusik im Land der Sufis.

Empathische Beschreibungen von Konzerten an Orten, die man nur kennenlernt wenn man länger bleibt (wie Pakpattan oder Kot Shahaana) und an solchen die auch vielen Pakistan Touristen bekannt sind und Erinnerungen wecken (wie Shah Jamal und Sehwan) lassen ein lebendiges Bild von Pakistan bei Nacht entstehen. Und zu dieser Zeit spielt sich hier weit mehr ab als in einem westlichen Land. Die Aufzeichnungen von Gesprächen gibt dabei einen guten Einblick in subkontinentale Musik im allgemeinen und wären die Musikstudiengänge an pakistanischen Unis besser entwickelt, könnte dieses Buch als Skript für Aufführungspraxis herhalten. Sein Verweis auf eine Musikdatenbank öffnet ferner eine Welt zu Pakistanischer Musik, wie man sie in Mitteleuropa am CD Markt unmöglich bekommt.

Dabei reist Frembgen mit offenen Ohren und Augen im öffentlichen Raum mit der linguistischen Fähigkeit sich mit jedem zu Unterhalten, die Einblicke ermöglichen, die vielen Autoren aufgrund der sprachlichen Barriere verwehrt bleiben.

Rausch …

Der zweite Buchtipp behandelt zwar an sich ein Thema, dass auch in den Medien zu Afghanistan und Pakistan dauernd präsent ist – Drogen, insbesondere Opium – und auch für den ein oder anderen Backpacker relevant sein dürfte, allerdings aus einer etwas ungwöhnlichen Sicht. Victor Mala (bzw. die Person, die sich hinter diesem Pseudonym verbirgt), wurde 1998 bei der Ausreise in Karachi mit dai kilo charras festgenommen und verbrachte daraufhin 2 Jahre im Karachi Central Prison.

Ähnlich wie bei Ruth Pfau’s bereits vorgestelltem Buch ist hier der Herausgeber (Wolfgang Bauer) eine haarsträubende Katastrophe, der augenscheinlich durch das Lesen des Buches, eine vorgefertigte Meinung zu bekräftigen versucht. Mala’s Erzählung über einen Mitinsassen der über die Vernichtung der Ungläubigen spricht wird zu seiner Darstellung, dass Mala für die vielen muslimische Insassen […] ein “hundföttischer Christ” sei, Mala’s Antwort sieht er prophetisch, Hippies sind edel, Einheimische tückisch und listig, und für Charras aus Quetta, das er wohl selbst kaum kennt weil er es vollkommen falsch schreibt schwärmt er. Allein mit seiner (wenn auch sehr verharmlosenden) Aussage, Mala sei ein würdiger Nachfahre der Opium essenden literarischen Gentlemen Quincey, Stevenson und Melville, mag er Recht haben.

Mit den emotionalen Wallungen eines Opiumessers, in einer fesselnden Sprache, beschreibt Mala nicht nur den Alltag im Central Prison und wie er dorthin kam, sondern webt Geschichten seiner Mithäftlinge aus dem Leben vor den Gefägnismauern, sindhische Legenden und seine Erfahrung mit der Opiumsucht ein. Aus dem Leben mit Menschen aus der Unterschicht und unteren Mittelschicht, dem Grossteil der pakistanischen Bevölkerung, erzählt er so auf Augenhöhe, selbstkritisch nicht hier sein zu müssen, aber ohne Selbstmitleid oder Darstellung der Situation als die Hölle, im Bewusstsein, dass es den anderen genauso geht wie ihm und sie schlussendlich leben. Diesen Einblick in das Leben des common-man (das heisst das Leben der Menschen wären sie nicht im Gefägnis, bzw ihrer freien Freunde und Familien) findet man kaum in nicht-pakistanischen Sprachen. Und mag auch das Umfeld kein Alltägliches sein, Charras, Gup-Shup und Chai spielen “draussen” die gleiche Rolle. Und wenn seine Beschreibung der Menschen ausserhalb des Gefägnisses, in diesem Fall in Mumbai (“diese an junge Affen erinnernde Langeweiler” zu den “What is your good name?” Fragern, und sein harter Blick auf die das-rupian-chota-bacha Bettlerinern) würden in einem Indien Travelogue wohl als politically incorrect verschmäht, treffen aber doch den Nagel ehrlich auf den Kopf. Sein (eben Opium getränktes) genervtes Verhalten, scheint meist Uninteresse an den Menschen zu vermitteln, dabei erkennt er die Menschen tiefgründer als jeder (nur bekiffte?) Traveller, der vorgibt alles wahnsinnig spannend zu finden.

Und während sein Herausgeber sich bemüssigt sieht, die Diskriminierung von Opium zu kritisieren ohne mit einem Wort auf die wahrlich unangenehmen Auswirkungen für einen Opium-Süchtigen hinzuweisen, versteht es Mala diesen Horror zu beschreiben ohne in zu verherrlichen noch ihn zu verteufeln.

… Bilder

 

Zwar “nur” einen meta-literarischen, dafür aber einen umso rareren und dafür visuellen Einblick in Pakistan vermittelt die September 2010 Ausgabe des Zürcher Kulturmagazin’s Du, Die Augen des Subkontinents. Neben Beiträgen über Photographie in Indien und Bangladesh, gibt Hammad Nasar eine Einführung in junge moderne Photographie des Landes. Bani Abidi, Iftikhar und Elizabeth Dadi und Rashid Rana sind drei Beispiele für Künstler, die vornehmlich im Ausland ausgestellt werden, aber ein Beweis für eine aktive moderne Kunstszene vor allem in Lahore und Karachi sind.

Ein Zeugnis des geringen Alters der 3 Nationen und damit auch ein Zeichen für deren heute noch aktuelle Verflechtung in ihren Gegensätzen, ist der Artikel zu Umrao Sher Gil von Alexander Keefe. Ein Sikh, der in Lahore lebte und Vater der heute in Indien bekannten Künstlerin (Amrita Sher Gil) wurde, die noch vor der Teilung des Subkontinents in Lahore starb, gilt als ein unsichtbarer Pionier indischer Photographie.

Ein Zeichen für die unbelastete Betrachtung des Landes von aktuellen Bildern, ist die Zusammenfassung des Subkontinents, weg vom AfPak zum IndoPak Fokus. Weder einer oder der andere enthält die Wahrheit, vielmehr ist Pakistan eben beides, prägnant dargestellt durch seine Lebensader Indus.

Kamran Akmal ist IndoPak, Shahid Afridi AfPak und gemeinsam sind sie, wenn sie auch manchmal nicht einer Meinung sind, drauf und dran Sportgeschichte zu schreiben, die in Mitteleuropa ähnlich wenig wahrgenommen wird wie gelebter Sufismus, subkontinental Klassische Musik, Chaman Charras oder moderne pakistanische Photographie. Es sind dies auch nur Ausschnitte aus einem Gesamtbild, haar cheez ka review würde nicht nur die Umpires verwirren sondern vor allem den europäischen Betrachter. Aber sie deuten eine Diversität an, der die derzeitige Berichterstattung über das Land nicht im Ansatz gerecht wird.

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

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