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Book Review

‘Am Hindukusch’ – europäische Narrative nach amerikanischer Vorstellung

Als der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck im Dezember 2002 verkündete, “Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt”, zementierte er eine Narrative für die deutschsprachige Medienlandschaft – Afghanistan ist ‘der Hindukusch’. Während mit Fortdauer des Krieges auch Pakistan immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte, wurde nicht etwa die alpinistische Narrative um ‘am Indus’ oder gar ‘am Arabischen Meer’ erweitert, nein, Pakistan ist nun ganz einfach auch ‘am Hindukusch’. Für die österreichische Zeitung der Standard war kürzlich schon der Chef des pakistanischen Geheimdienstes Shuja Pasha Der mächtige Unbekannte vom Hindukusch – abgesehen davon, dass Pasha kaum ‘ein Unbekannter’ ist, ist die Reduktion der zwei Staaten, ganz besonders im Falle Pakistan’s, auf ein Gebirgsmassiv problematisch.

Alpine Narrative

Unverständlich ist sie nicht. Besonders Deutschland und Österreich haben, ganz ohne Empire, eine lange Präsenz im nördlichen Hindukush, der mehrere heutige afghanische Provinzen umfasst und die pakistanischen Khyber Pakhtunkhwa und Gilgit Baltistan streift. Eine Unzahl von Expeditionen von den Anfängen des 3. Reichs bis zum Beginn des sowjetischen Afghanistan Krieges beschäftigte sich mit der lokalen Flora und Fauna, Ackerbau, Viehwirschaft und Sprache, aber vor allem auch mit alpinistischen Zielen wie im benachbarten Karakoram und Himalaya wo Namen wie Buhl und Harrer zu Berühmtheit gelangten. Dieses Interesse für eine montane Region rührt natürlich auch von der Heimat her – gerade ältere (ehemalig) aktive Bergsteiger haben ganz andere Vorstellungen von Pakistan, als dies heute von Medien vermittelt wird. Hochgebirge wie man es in den Alpen nicht findet zieht auch heute noch jährlich profesionelle Bergsteiger wie Amateure über Islamabad in den Karakoram und die mediale Aufmerksamkeit kommt im Falle der letzten Wettrennen (wie das der ‘ersten Frau auf allen 14 Achttausendern’) auch nicht zu kurz. Eine Aufmerksamkeit für die Region besteht also – nur deckt sich diese mit der politischen Hindukush-Narrative, und trägt damit nicht zu einem weiteren Verständnis bei. Ganz im Gegenteil – während Mortenson mit seiner K2 Abstiegsgeschichte in Mitteleuropa wohl eher aufgedeckt worden wäre als in den USA, für alles ausserhalb des Alpinsports warten deutschsprachige Medien meist auf Input aus den USA (NYTimes) oder England (Guardian).

Negierte Beiträge

Nicht einmal die deutsche Koriphäe der Islamforschung und enge Freundin des Landes Pakistan, Annemarie Schimmel, scheint es geschafft zu haben, das Bild in den Subkontinent zu erweitern. Zwar liegt die höchste Erhebung des Hindukusch, der Tirich Mir, in Pakistan, verglichen mit der gesamten Landesfläche ist sein Einfluss auf das Land aber gering. Nicht einmal militante Organisationen haben im pakistanischen Teil (von Peshawar nördlich bis zum Wakhan) einen nennenswerten Rückzugsraum. Aber das Bild eines kargen Gebirges passt gut in die Erklärung warum hier alles so kompliziert ist, und eine ordentliche Recherche leider schwer möglich. Das zu einem Verständnis des Landes und seiner Verstrickung im Hauptaugenmerk der Medien, islamistischem Extremismus, die Megastädte Lahore und Karachi wie auch der ländliche Punjab und Sindh genauso wichtig, wenn nicht sogar unumgänglich ist – also genau die Räume, die von Annemarie Schimmel aber auch heute noch von Wasim Frembgen oder Ruth Pfau, einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt werden – wird so lange nicht wahrgenommen, bis es die amerikanischen Medien nach und nach selbst erkennen und damit auch im deutschsprachigen Raum mehrheitsfähig machen. Inwieweit die amerikanische Narrative (‘Imagination’) von der pakistanischen Realität abweicht zeigt schon seit Jahren Manan Ahmed, der derzeit als JuniorProfessor an der FU Berlin liest, auf seinem Blog chapatimystery.com – eine edidierte Auswahl hat er nun als Buch vorgelegt, ‘Where the Wild Frontiers are: Pakistan and the American Imagination‘. Und auch wenn die Empire-Beziehung zum Subkontinent, welche Ahmed immer wieder aufgreift für das deutsschsprachige Mitteleuropa weniger Relevanz besitzt als für das old-empire England und das new-empire USA, werden seine Beobachtungen durch seine mediale Abhängigkeit von diesen Empires auch zunehmend für Europa relevant.

Geschichte von der anderen Seite betrachtet

Amitava Kumar schreibt in der Einleitung:

Not where I was at such-and-such time, but what are the other histories that where unfolding at that moment, in a universe whose centre isn’t so close to mine. [… …] What does history look like from the other side? Well, one way to think of the situation is to recognize that there is no other side.

Manan Ahmed verbindet sein Verständnis seines Heimatlandes Pakistan, mit der Möglichkeit es aus den USA (und in Zukunft vielleicht auch vom europäischen Standpunkt) zu betrachten, mit seinem wissenschaftlichen Gebiet (Islamgeschichte am Subkontinent) und einem Schreibstil, der manchmal sogar den von Kumar erreicht. In Einträgen aus den letzten 7 Jahren seziert er den imaginären und realen Aufbau des American Empire, auf welcher Grundlage es fundiert (Terra In/cognito), welche medialen Narrativen dazu führen (Support, Deny, Ignore), wie man sich dieser erwehrt (Observe, Resist, Debate) und schreibt darüber hinaus noch prägnant und erheiternd bis erschütternd zu lesende Einblicke in die pakistanische Politik und Geschichte (Friend, Wrong) – dabei fällt er jedoch nie in die Falle, Dinge der Kürze wegen zu vereinfachen. What kind of historian would I be if I didn’t endorse complexity?

Was in Europe ‘am Hindukusch’ ist, ist in Amerika die ‘afghanisch-pakistanische’ Grenzregion. Die Intention, die Region als topographisch-vegetativ karg zu präsentieren um damit sogleich auf Kultur und Gesellschaft schliessen zu können findet da wie dort mit dem jeweiligen Haupteinsatzgebiet der Truppen in Afghanistan statt. Für Briten ist es ein Land wie eine Wüste (nach Helmand), für die USA unzugänglich (Korengal), für die Deutschen der trockene Hindukusch. Ahmed dazu, bezugnehmend auf John Kerry’s Rede vor dem Foreign Relations Commitee und Hillary Clinton: There are mega-cities like Karachi, with populations of more than 19 million. We are not dealing with hamlets and pockets. Es ist genau diese wild frontier of imagination, die er von ihrem Mantel der säuberlich konstruierten Narrativen zu befreien. It is human nature to omit parts of our past or to relegate them behind carefully constructed narrative frameworks that avoid excessive scrutiny.

Selbst Pakistani, der wohl mehr in Englisch als einer seiner endemischen Landessprachen kommuniziert und Pakistan oft nur zu Besuchen und Recherchen wiedersieht, lässt er auch die Kritik an der pakistanischen Elite nicht aus, die zu dieser Narrative beiträgt: I should add that, as a reader, it is disheartening to see the Pakistani English-sprache elite contribute so wholeheartedly to the construction of only that reality.

Abzug der Aufmerksamkeit?

Für einflussreiche Printmedien aus dem deutschsprachigen Raum ist aus Pakistan mit Hasnain Kazim (Spiegel) derzeit nur ein einziger ständiger Reporter vor Ort. Möglicherweise wird mit dem nahenden Abzug deutscher Truppen auch die Aufmerksamkeit für die Region noch weiter schwinden, und der Einfluss amerikanischer Narrativen noch größeres Gewicht erlangen. Bevor dieser Fall eintritt, und solange niemand diese Betrachtung für europäische Berichterstattung anstellt, ist Ahmed’s Buch ein ausgezeichneter Leitfaden wie Pakistan (als eines und als multiple Identitäten) zu verstehen ist wenn es in der täglichen Berichterstattung auftaucht. Mit in seiner edidierten, geordneten und kommentierten Form ist es für neue Leser ein notwendiger Einstieg in seinen schon sehr umfangreichen Blog, der auch in Zukunft ‘Hindukusch’ in ein realistisches Bild einer Nation mit 180 mio. Einwohnern, 130 Sprachen und mehreren Klimazonen übersetzen wird.

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Rezension deutscher Literatur zu Pakistan:

Berichterstattung am Prüfstand

Die unkonventionelle Betrachtung

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

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