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Article, Book Review

‘ISI oder Karimov’ und die neue Seidenstrasse – Teil IV der Sino-Pak Serie

 

4. Ausgabe der Sino-Pakistan Serie

Teil I

Teil II

Teil III

 

Single Most Important Friend

Die USA brauchen neben ihrem schwächlichen Freund Afghanistan, den sie mal fördern und mal zusammenstauchen einen Partner für’s Grobe – ein lokaler ‘watch dog’ über die terroritischen Gefahren, die von verschiedenen Gruppen aus der Region ausgehen und verlässlicher Partner für die Versorgung des internationalen Eingreifens in Afghanistan. Sowohl Pakistan als auch Usbekistan vereinen Eigenschaften, die sie für diese Rolle qualifizieren. Beide Staaten haben Elemente, die es ihnen relativ leicht macht, auf Geheis in einer bestimmten Region durchzugreifen ohne der eigenen Bevölkerung Rechenschaft abliefern zu müssen (in Pakistan die Armee und der Geheimdienst, in Uzbekistan ein autokratisches Regime) – beide sind in diesem Punkt aber nicht über alle Zweifel von Seiten des Westens erhaben. Pakistan spielt ein doppeltes Spiel und hält sich alle Möglichkeiten offen indem es Kontakte zu verschiedenen Organisationen (u.a. den Taliban) aufrecht erhält, die Rolle der Menschanrechte ist in der Beziehung zu Uzbekistan immer ein Streitpunkt (spätestens seit den Vorfällen in Andijan). Sowohl Pakistan als auch Uzbekistan stellen neben arabischen Ländern einen bedeutenden Anteil an Kämpfern in den Reihen der Taliban und al-Qaeda nahen Organisationen, und sind selbst Heimat von indigenen islamistischen Organisationen. Beide Länder stellen einen direkten Transportweg zu Afghanistan dar – Pakistan vom Arabischen Meer über den Hafen von Karachi, den Khyber oder den Bolan Pass und Chaman, Uzbekistan von den zentralasiatischen Flughäfen über Termez als Teil des NDN (Northern Distribution Network). Pakistan hatte bis jetzt die wichtigere Rolle in diesem Kampf um Aufmerksamkeit, verliert diese aber zusehends. Als singuläres Beispiel für eine beliebte Narrative argumentiert Joshua Foust auf Registan für Uzbekistan und einer Lösung von Pakistan, mit dem simplen Argument, dass Uzbekistan zwar keine gute Lösung ist, aber immerhin besser als Pakistan (vor allem in diesem ersten Post dazu, aber auch hier und hier. Während er mit dem Argument, ‘auf Pakistan sei einfach kein Verlass’ sicher Recht hat, ist das Festhalten auf der Vorgabe, einen ‘single most important (strong) friend’ zu fördern und alle anderen Nachbarstaaten als ‘adversaries’ anzusehen oder einfach zu ignorieren sehr einfach gestrickt und nicht nachhaltig. Gleichwertige bilaterale Partnerschaften zu allen Nachbarstaaten zu suchen, gleichzeitig aber auch die Bedeutung von Pakistan herabzusetzen und die einseitige Unterstützung des Landes (insbesondere seiner Armee) zu beenden wäre ein sinnvollerer Schritt.

Mit dem Näherrücken eines Abzuges der militärischen Einheiten aus Afghanistan, sucht die USA auch in diese Richtung nach Lösungen. Anfang November fand in Istanbul eine Afghanistan Konferenz statt, die gemeinsam mit allen Nachbarländern Afghanistan die Zukunft der Region im Blickfeld hatte. Am 5. Dezember findet in Bonn die 2. Afghanistan Konferenz statt. Wenig Zeit um noch zu lernen.

New Silk Road

Die ‘most fancy’ Strategie der USA zur Zukunft Afghanistan’s und seiner Nachbarstaaten hat einen Namen – ‘the New Silk Road’. Es beruht unter anderem auf den Argumenten S. Frederick Starr’s (PDF, Afghanistan Beyond the Fog of Nation Building: Giving Economic Strategy a Chance, January 2011, mehr Unterlagen zu seinen Überlegungen finden sich auf der Seite seiner Silk Road Studies):

The World Bank, in an important but neglected 2010 study, provides a concise and authoritative explanation: Afghanistan’s single greatest comparative advantage is its geostrategic location. […] It was not always thus. Over two millennia Afghanistan was the place where trade routes to India, China, the Middle East and Europe all converged. This is why Marco Polo crossed the country en route to China, and why Arab travelers like Ibn Battuta crossed it on their way to India. Such trade along the misnamed “Silk Road” (in fact, every conceivable product was transported over it) produced immense wealth. Balkh, near Mazar-e-Sharif, was once among the largest and richest cities on earth. Medieval Arabs, who knew something about urban life, called it “the Mother of Cities.” Bagram, where the major U.S. base is situated, once maintained lucrative ties simultaneously with ancient Greece and India, enabling it to flourish in opulent splendor. All this occurred with nothing more than camels for transport. Imagine, then, what might be possible when camels are replaced by eighteen wheelers, railroads, modern pipelines, and hydroelectric lines? This prospect has already engaged the attention of every country along the continental routes that cross Afghanistan. With or without American support, they are all moving fast to claim the benefits which they consider their historical birthright.

Da es amerikanischer Verdienst sei, dass der ‘Handelskreisverkehr Afghanistan’ wieder befahrbar sei, sollte die USA auch sichergehen sich daran zu beteiligen. Ausserdem gehe mit amerikanischer Expertise alles viel einfacher:

The reopening all these age-old transit routes across Afghanistan is the single greatest achievement of U.S. foreign policy in the new millennium. […] Because these processes are rooted in the self-interest of governments, business communities, and whole societies in each of the many countries involved, they will continue to unfold with or without the United States’ port or involvement. But because of the unique position of the U.S. vis-à-vis Afghanistan, and also the extent and depth of its relations with most of the other countries involved, decisions and actions in Washington will decisively influence the pace at which the process takes place, and also the character of the vast commercial network that is coming into being. For the time being, the U.S. possesses immense potential leverage over what is arguably the most transformative development taking place on the Eurasian land mass today.

Wie John Kucera meint, übertreibt Starr gerne und masslos. In vielen Punkten hat er aber sicher Recht. Ich glaube jedoch auch, dass das Konzept der ‘neuen Seidenstrasse’ sinnlos ist, allerdings aus ganz anderen Gründen wie Joshua Foust, der wieder einmal alles etwas einfach zeichnet.

Drei Gründe, warum die ‘neue Seidenstrasse’ ein Hirngespinnst ist:

Als die alte Seidenstrasse florierte, tat sie das ganz ohne zentralisierte Organisation. Es bestand Angebot und Nachfrage über unzählige Grenzen hinweg. Wenn heute Starr behauptet, lange Grenzkontrollen wären das grosse Hinderniss für zentralaiatischen Wirtschaftsaustausch hat er damit nur teilweise Recht. Sicher müssen Länder wie Uzbekistan und Tajikistan wie auch Kyrgyzstan, die sich auf wirtschaftlicher Ebene dauern bekriegen, zu definitiven Lösungen kommen. Korrupte Zollbeamte hat es aber an der Seidenstrasse sicher in gleichem Ausmass gegeben wie sie heute zu finden sind. Und jeder hat mehr oder wenioger gut daran verdient.

Weiters besteht zwischen allen zentralasiatischen Ländern (inklusive China, Afghanistan, Pakistan, Iran und auch Indien) schon ein reger Austausch. Sowohl in Dushanbe als auch in Urumqi und umgekehrt in Islamabad und Lahore, habe ich Studenten und Händler aus den respektiv anderen Ländern getroffen, die es als selbstverständlich ansehen hier zu arbeiten oder zu studieren. Austauschprogramme für afghanische Bauingenieurstudentin aus Faiyabad in Afghanistan mit Tajikistan, indische Restaurants in Dushanbe und Punjabi Haschisch Dealer in Urumqi (nicht representative Beispiele …) sind nichts besonderes. Bevor der Wirtschaftsraum Afghanistan gefördert wird, sollte der Westen seine Vorstellung der Region als ‘am Ende der Welt’ revidieren. Das würde viele Papers zu diesem Thema obsolet machen – und einige Scholars, Blogger und Lobbyisten arbeitslos.

Zuletzt betreibt China diese ‘neue Seidenstrassen-Politik’ schon lange, mehr oder weniger erfolgreich aber in erster Linie weitaus weniger ambitioniert, dafür um einiges effizienter.

Hasan H. Karrar beschreibt in seinem ‘The New Silk Road Diplomacy’ (2009, UBC Press) die Zentralasienpolitik Chinas seit dem kalten Krieg.

Zwar betrachtet Karrar das Handlen und Planen China’s in der Region nur anhand von Literatur und Medien (was es zu einer recht kurzen politikwissenschaftlichen Lektüre werden lässt), er bezieht sich aber sowohl auch westliche als auch chinesische Quellen und vermag die Intentionen und Strategien in einigen Aspekten sehr gut zu umreissen. In erster Linie geht es ihm um die Feststellung, dass China an bilateralen wie auch an multilateralen Netzwerken in der Region interessiert ist, diese aber nicht agressiv vorantreibt. Sein Buch ist auch eine schnelle Quelle für wirkliche Wirtschaftszahlen, und zeigt, dass der Handel in der Region, wenn auch zögerlich so doch kontinuierlich wächst.

Die meisten Autoren und Politikwissenschaftler versuchen die grundlegenden Intentionen China’s zu ergründen, um ihr Handeln zu prognostizieren. Das misslingt in so gut wie allen Fällen und wird, wie in den ersten 3 Teilen schon dargelegt im Falle der Beziehung zu Pakistan zu einem Ratespiel ohne fundierte Argumente. Ein Historiker ist mit hier zumindest auf aussenpolitisch-strategischer Ebene schon viel weiter gekommen. Und wenn Peter C. Perdue’s Buch ‘China Marches West’ (2005, Harvard University Press)auch nur China’s zentralasiatische Politik bis ins 19. Jahrhundert betrachtet (dafür zurück bis an die Anfänge des 17.), lässt es doch den historischen (und damit auch nationalistischen und ideellen Wert) der ‘Western Regions’ für China heute verstehen. Perdue bezieht sich auf Qullen, die bis zu Korrelationen von Weizenpreisen aus dem 18. Jahrhundert in Xinjiang gehen, versteht es aber daraus ein unglaublich spannendes wenn auch etwas umfangreiches Werk entstehen zu lassen.

Schlussendlich hat Aaron L. Friedberg in seinem neuen ‘A Contest for Supremacy’ (September 2011, Norton) ohne Fokus auf Zentralasien aus Sichtweise eines US Political Advisors mit umfassender Einsicht in chinesische Quellen noch einen Blick auf den Wettbewerb zwischen den USA und China um Asien geworfen. Er kommt was Zentralasien betrifft auf ähnliche Schlüsse wie Karrar und elaboriert das Konzept der ‘propensity of things’ des französischen Philosophen Francois Jullien auf politikwissenschaftlicher Ebene.

Pakistan-China Beziehung nur Teil einer regionalen Entwicklung

Während Annäherung auf Seiten Pakistan’s und China’s oft als ein rein bilaterales Vorgehen reduziert wird, stimmt viel eher, dass beide Projekten vernetzt sind, die sie aneinander binden und in denen sich unterscheidliche Interessen überschneiden. Pakistan wollte wiederholt in die von China dominierte SCO (wie Indien wurde ihm nur Beobachterstatus zugestanden), China will Teil von ASEA sein, bekommt aber auch hier nur einen teilweisen Zugang. Im neuen Silk Road Program des Westens spielen beide Länder nur eine untergeordnete Rolle (obwohl das Gebiet des heutigen China einst einen Grossteil der Seidenstrasse ausmachte). Zardari versucht ein bisschen Geschichte umzudichten (das heutige Pakistan war nie wirklich Bestandteil der Seidenstrasse, wenn auch über den Karakorum, nach Kabul und Durch Balochistan Lahore immer schon ein Angelpunkt war), ist inerster Linie aber an wirtschaftlichen Austausch und Kooperation im Falle Xinjiang interessiert. Gleiche Kooperationen bestehen mit allen zentralasiatischen Ländern zu im Westen unbedeutenden Themen (Passübergänge im Hindukush, Stromnetz, Studentenaustausch, Handel vor allem im Baubereich …), die aber Teil von ‘Seidenstrassen’ sind, die nie aufgehört haben zu existieren und daher auch nicht neu aufgebaut werden müssen.

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

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