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Book Review

Der Gedanke der Authentizität oder authentisches Denken?

(Essay im Zuge einer Vorlesung by Dr. Hartmut Fähndrich an der ETHZ im HS2011)

Der Gedanke der Authentizität oder authentisches Denken?

Spätestens seit den Demonstrationen in Teheran im Sommer 2009 haben so genannte Social Media Applikationen (Facebook und Twitter) die westliche Berichterstattung über ganze Weltregionen – und damit auch die allgemeine Wahrnehmung derselben – wesentlich beeinflusst. Ganz besonders trifft dies für die arabische Welt und das westliche und vor allem muslimische Asien zu, das vermehrt im geopolitischen Medienfokus steht[i]. Der Wert dieser Quellen ist begrenzt. Erstens handelt es sich meist um keinen repräsentativen Teil der Bevölkerung. Zweitens schränkt die Notwendigkeit einen Internetzugang zu haben und sich darüber hinaus eloquent auf Englisch ausdrücken zu können, um auch wahrgenommen zu werden, die Auswahl auf die urbane Oberschicht ein, die oft noch im Westen, der Zielregion ihrer Information, ausgebildet wurde oder sogar teilweise dort lebt. Auch wenn diese Einschränkung anerkannt wird, geht man aber oft davon aus, dass durch eine Berichterstattung über diese Quellen aus der Oberschicht, die Diskussionsthemen der gebildeten Bevölkerung adäquat wiedergegeben werden kann.

 

Im Falle der arabischen Welt meinte der tunesische Soziologe al-Taher Labib in einem Interview mit der Zeitung al-Hayat[ii] , dass die Denker und Kommentatoren, die die zweite Nahda hervorbrachte, kritisch betrachtet werden müssten – es gäbe den ernsthaften/seriösen Denker und den sogenannten ‚Intellektuellen’, der damit beschäftigt ist, sich als ‚Experte’ zu positionieren. Labib meint, dass die Fähigkeit, aber auch die Verantwortung des seriösen Denkers es wäre, Aussagen mit Bedeutung hervorzubringen. Die ‚Denker’, die über das Internet auch im Westen schnell Gehör finden, gehören nach Labib’s Darstellung meist eher zu ‚Experten-Intellektuellen’. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, welche Gedanken die Gesellschaft wirklich bewegen, bzw. welche als essentiell betrachtet von der intellektuellen Elite des Landes intensiv diskutiert werden, sind diese Quellen mehr als unzureichend, im schlechtesten Fall zeichnen sie sogar ein komplett verzerrtes Bild. Diese Diskussionen in der arabischen Welt sind außerhalb ihrer Grenzen fast unbekannt, das heißt sie spielen z.B. in europäischen Überlegungen zu aktuellen Entwicklungen im arabischen Raum keine Rolle. Die arabische Welt (wo auch immer man diese schlussendlich lokalisiert) wird als eine statische Menschenmasse porträtiert. Ihre Beweggründe werden im Westen oft schnell mit einfachen materiellen Konzepten wie ‚steigende Nahrungsmittelpreise’ erklärt. Was sie auf intellektueller Ebene bewegt bleibt meist unbeachtet.

 

Der Hinweis auf Labib’s Kommentare bezieht sich auf Elizabeth Suzanne Kassab’s Buch ‚Contemporary Arab Thought – Culture Critique in Comparative Perspective’, eine Auseinandersetzung mit den Diskussionen in der arabischen Welt zu Identität. Ihre Übersetzungen der al-Hayat Interviews aus den Jahren 2006 und 2007 setzen den Schlusspunkt unter einen Überblick mit viel kritischer Auseinandersetzung der intellektuellen Debatten zur arabischen Kultur seit 1967.

 

Kassab beleuchtet verschiedene Aspekte – von der ersten Nahda über die Phase nach 1967, die Diskussion von Kultur, Islam und Säkularismus bis zu den postkolonialen Diskussionen. Indem sie zu jedem Kapitel die Kommentare eines Intellektuellen genauer beleuchtet, vermag sie, über das ganze Buch gesehen, einen Einblick in viele verschiedene Narrativen von Marokko (Abdallah Laroui) bis Syrien (Sadeq al-Azm), von im deutschsprachigen Raum bekannteren Namen wie Bassam Tibi zu unbekannteren Stimmen, wie derjenigen der christlichen Araber in Israel und Palästina (Naim Ateek), zu geben. Im Folgenden möchte ich auf zwei Konzepte eingehen, die bei vielen von Kassab beleuchteten Denkern eine Rolle spielen und daher in unzähligen Debatten immer wieder im Mittelpunkt stehen.

 

Nach innen gerichtete Kritik

 

Im Gegensatz zur (ersten)[iii] Nahda, für die exemplarisch Muhammad Abduh’ und Jalal ud-din al-Afghani immer wieder von verschiedenen Autoren herangezogen werden, richtet sich die Kritik arabischer Denker nach der Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg nicht mehr in erster Linie nach außen (‚against the Other’) sondern zusehends nach innen. „The shock of the 1967 defeat provoked the bitter realization that fundamental mistakes were made in carrying out these postcolonial projects [welche in der ersten Nahda diskutiert wurden, Anm.]. Some Arabs continued to view their governments and fellow nationals as faultless victims, but for many a fundamental questioning of ideas and policies had become necessary.“ Um diese (Selbst-)Kritik möglich zu machen, müssen wichtige Voraussetzungen geschaffen werden, die, nach Ansicht vieler der von Kassab beleuchteten Denker, gerade auch heute noch zu den wichtigsten zählen und gerade im Falle Syriens auch ausserhalb der arabischen Welt verstanden werden sollten. Kritik ist nur in Freiheit, also in einer Demokratie, möglich. Exemplarisch dafür stehen Saadallah Wannous’ Werke. In ‚Ana al-Janaza wa al-Mushayyi’un’[iv] schreibt er von seinem Bedürfnis ‚Nein’ zu sagen zur politischen und gesellschaftlichen Unterdrückung. Kritik ist nur möglich wenn der Araber sich von ideologischen Termini löst und nicht einfach die eigene Identität durch die Sprache oder Religion oder arabische Kultur, die ihn mit anderen arabischen Ländern verbindet als Argument anführt, sondern die eigene Geschichte als passierte Geschichte und nicht al Tradition betrachtet (Traditionalism vs. Historicism, Laroui). Weiters kommen immer wieder Frauen zu Wort, die, wie Kassab kritisch bemerkt, auch in den sich selbst aufgeklärt gebenden Kreisen arabischer Intellektueller selten eine Stimme bekommen. Leila Ahmad oder Nawal el-Saadawi weisen darauf hin, dass Frauen (auch exemplarisch für andere Minderheiten) durch ihren doppelten Kampf gegen die Unterdrückung (gegen die Macht im Staat aber auch die eigene Gesellschaft) besonders betroffen sind. Nicht nur in diesem Thema vermag es Kassab, obwohl ihr Buch mehr ein Einblick als eine explizite Kritik jedes einzelnen Denkers ist, immer wieder die Argumente zu hinterfragen und gegeneinander zu stellen.

 

Turath

Einer der immer wiederkehrenden Begriffe ist der des turath. Kritiker wie Fouad Zakkariya und Ali Ahmad Sa’id sehen die dauernde Berufung auf die glorreiche Geschichte der arabischen Welt zur Schaffung einer aktuellen Identität als Hindernis an. Zakkariya meint, dass diese Rückbesinnung zwar auch in Europa existierte (das sich ständige Beziehen auf den Westen zieht sich einerseits wie ein roter Faden durch alle Kommentare, ist gleichzeitig aber auch ein Kritikpunkt einiger Denker), Europa aber nicht daran gehindert habe zu wachsen und seine Macht auszubauen. Zwar können aus Tradition wichtige Werte gewonnen werden, sie sei aber nicht Teil der ‚living mind of the contemporary Arab’ und daher entkoppelt von seiner wirklichen (und nicht nur ideologisch konstruierten) Identität.

 

Konzepte in der jungen Internetszene

 

Um zurück auf die ‚Experten’ der modernen Internetlandschaft zu kommen – auch diese, wenn auch manchmal nur unterschwellig kommuniziert, werden von den Diskussion zur innen-gerichteten Kritik und der Diskussion zur Bedeutung der turath sehr beeinflusst. Wie Kassab in der Einleitung zu ihrem Buch meint: ‚Growing up in Lebanon in the second half of the twentienth century, I could not imagine the Arab world without anguished debates on culture. The Arab mind was for me invariably associated with questions of cultural crisis, […]. [The] Arab debates were […] on the fringes of my awareness. [This neglect] applies to almost any student graduating in the Arab world, […].’ Für viele Quellen, auf die sich westlicher Journalismus zur Befindlichkeit der arabischen Welt bezieht (und das ist nun mal eher der junge al-Jazeera Korresepondent und nicht ein Sadeq al-Azm oder Abdallah Laroui), spielen diese Diskussion zu Kultur eine grosse Rolle, werden aber als Diskussion selten nach aussen getragen und erscheinen damit nicht am Radar der westlichen Aufmerksamkeit. Es ist gerade dieser Konflikt der Kritikfähigkeit an der eigenen Kultur mit dem Selbstverständnis der Kritik am Westen, um den sich unzählige Debatten drehen. Kassab’s Buch zeigt eindrücklich, dass obwohl (oder gerade weil) sich die Suche nach einer arabischen Identität auch 45 Jahre nach 1967 noch immer in einer Krise befindet, die Diskussionen dazu äusserst lebendig sind und nicht nur existieren, wenn der Westen den arabischen Frühling verkündet.

Contemporary Arab Thought

Elizabeth Suzanne Kassab

Columbia University Press, 2010


[i] Meine Aussagen stützen sich dabei in erster Linie auf den Fall Pakistans, wo ich schon seit einigen Jahren Diskussionen sowohl online als auch offline verfolge und daran teilnehme. Dabei gibt es einerseits Schnittpunkte mit der arabischen Welt (Religion, Geschichte aber in erster Linie Post-Kolonialismus- und Imperialismus-Kritik), andererseits habe ich parallel zur Vorlesung Die arabische Welt im “kurzen 20. Jahrhundert” (1914-1989) begonnen, online Diskussionen im arabischen Raum zu verfolgen so weit mir das möglich war (die Verwendung von Sprache im Vergleich in subkontinentaler – meist Englisch – und arabischer – meist Arabisch -Auseinandersetzung wäre ein eigener Aspekt, der genauere Betrachtung verdienen würde). Grundlegende Muster der Diskussion zu Identität und Selbstdefinition, insbesondere gegenüber dem Westen sind in beiden Regionen, wenn sie sich nicht sogar um dieselben Argumente drehen, vergleichbar. Grundlegende Kritik aus der arabischen Welt wie die von Edward Said, oder die in der arabischen Welt wahrgenommen wird (wie Frantz Fanon) spielt auch am Subkontinent eine entscheidende Rolle.

[ii] al-Hayat, 6. Februar 2006 (daralhayat.com)

[iii] Ob spätere ‚Renaissancen’ (zumindest eine nach 1967 und eine in der aktuellen Diskussion) in der arabischen Welt als erfolgreich bezeichnet und damit als zweite Nahda angesehen werden können, ist umstritten, und Teil der Betrachtungen im Buch.

[iv] Al-A’mal al Kamila, Saadallah Wannous, 2005 (trans. Kassab)

About Jakob Steiner

... lived, worked and studied in Australia, Europe and Asia.

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